Mysterium fidei

Wie schwer fällt es uns, das, was wir von Gott erkennen oder zumindest zu erkennen glauben, in Worte zu fassen. Nicht nur schriftlich oder wörtlich, sondern auch gedanklich Gott zu „fassen“ scheint fast unmöglich. Wie schnell aber lassen wir uns hinreissen zu Aussagen, die nur ungenügend reflektiert und bedacht sind und somit vielleicht auch recht oberflächlich sind. Erkennen ist nicht wissen, sondern Gewissheit zu haben, dass da jemand ist, der mein Leben in seinen Händen hält. Oder als Frage formuliert:

Ist es nicht viel mehr das Unvermögen des Menschen, Gott in menschlichen Worten zu erfassen, als das Unvermögen, Gott  zu erkennen, DAS „Mysterium fidei“ (lat. Geheimnis des Glaubens) welches uns antreibt, nach dem zu streben, der sich uns geschenkt hat?

„Gott zeigt sich uns begrenzten Wesen nicht als eine ganz fertige Sache, die wir nur anzunehmen hätten. Vielmehr ist Er für uns die ewige Entdeckung und das ewige Wachstum. Je mehr wir ihn zu begreifen glauben, um so mehr enthüllt er sich als anderer; je mehr wir ihn zu halten glauben, um so mehr weicht Er zurück und zieht uns in die Tiefen Seiner selbst hinein.“ (Teilhard de Chardin, Der göttliche Bereich, S. 168.)

Sich darauf einzulassen, dass der Glaube daran, dass da ein Gott ist, nicht einfach nur ein „Hirngespinst“ ist, sondern den Menschen zu seinem wahren „Menschsein“ führen will, ist wohl das grösste Wagnis dieser Welt. Das zu erkennen sollte uns nicht in die „vielen Worte“ Worte führen, sondern in die Stille. Augustinus formuliert das folgendermassen im letzten Buch seines Werkes De trinitate:

„Ich weiss, dass geschrieben steht: ‚In Vielrederei wirst du der Sünde nicht entgehen.‘ Möchte ich doch nur von dir sprechen, dein Wort verkündigend und dich preisend! […] Befreie mich [aber], o Herr, von der Vielrederei, die ich innen in meiner Seele, die elend in deinem Anblick ist und zu deinem Erbarmen flieht, leide. Ich schweige ja nicht in meinen Gedanken, auch wenn ich mit dem Mund schweige. Würde ich nur denken, was dir wohlgefällig ist, dann würde ich freilich nicht darum beten, dass du mich von dieser Vielrederei befreiest.“ (Augustinus, De trinitate XV 38.51)

Die Stille ist es, die uns selbst erkennen lässt, und dadurch für Gott auch öffnet, damit nicht ich spreche, sondern er spricht. Damit nicht ich bete, sondern er in mir. Dies zu leben braucht nicht viele Worte, sondern nur den Raum der Stille, damit Gott in mein Leben hineinsprechen kann. Ganz nach dem Spruch aus 1 Sam 3 : „Rede Herr, dein Diener hört!“ – Darin Gott zu erkennen, sollte uns nicht ins viele Reden führen, sondern in das Leben, das die Kraft hat auch andere anzustecken und mitzunehmen, wie Jesus sagte: „Kommt und seht.“ (Joh 1,39)