Von Fakten und Wahrheit

„Was ist Wahrheit?“ (Joh 18,38) – So fragte einst Pilatus Jesus, nach dem dieser erklärt hatte, er sei ein König. Einer, der ganz anders ist, einer der Zeugnis ablegt für die Wahrheit. Diese Bibelverse klingen in der heutigen Zeit, in der Worte wie „postfaktisch“ und „fake news“ tagtäglich in Zeitungen, Radio und Fernsehen vorkommen, wie Hohn. Dass das Wort „postfaktisch“ (in engl. „post-truth“) zum internationalen Wort des Jahres gekürt wurde, ist nur ein Ausdruck einer beliebig gewordenen Welt. Eine Welt in der jede und jeder sich seine eigene Wahrheit zusammenschustert, immer auf den eigenen Vorteil bedacht. Der bekannte Spruch „Ich glaube nur jener Statistik, die ich selbst gefälscht habe.“ ist Ausdruck einer gesamten Generation, die die Wahrheit gar nicht wissen will und sich ständig selbst belügt um sich nicht ändern zu müssen. Um nicht die eigenen Abgründe ergründen zu müssen und dabei vielleicht Dinge zu entdecken, die so gar nicht zum Selbstbild passen, das man sich zusammengezimmert hat. Fake-News sind dabei nur eine Nebenwirkung einer solchen Gesellschaft. Denn diese Falschmeldungen haben nur die Absicht, von der Realität abzulenken. Von mir auf andere zu verweisen, damit ich aus der Schusslinie komme und mein wahres Ich nicht zeigen und offenbaren muss.

Dies funktioniert nicht nur mit dem eigenen Selbst, sondern mit allen möglichen wirtschaftlichen, politischen, soziologischen, kriminalistischen, klimatologischen und ökologischen Themen. Fake-News lenken den Fokus weg von brisanten und zu besprechenden Themen hin zu reisserischen Schlagzeilen. Und die Frage von Pilatus wird plötzlich hochaktuell: „Was ist Wahrheit?“

Möglicherweise ist diese Frage für viele Menschen gar nicht mehr von Belang. Jedenfalls da nicht, wo das eigene Ego im Zentrum steht. Erstaunlich ist, dass in unserer Welt – in der man die Menschen spätestens seit dem 2. Weltkrieg dazu erzogen bzw. getrimmt hat, wissenschaftlichen Fakten zu glauben – die Instrumente faktischer Wahrheitsfindung genau in das Gegenteil gekehrt werden. Es entstehen Postfakten und Fake-News.

Wer sich aber diesem postfaktischen Zeitalter und den Fake-News nicht einfach ausgeliefert wissen will, geht mühsam auf die Suche nach gut recherchierten Artikeln, will die Quellen kennen und hinterfragt Botschaften jeglicher Art. Man will wissen was dahinter steckt.

Und in diesem Teil spielt auch das anfängliche Zitat wieder eine Rolle. Es ist eine Frage und wer Fragen stellt, beweist Interesse und dieses ist unerlässlich wenn man etwas „wahrnehmen“ will. Auch unser christlicher Glaube lädt ein Fragen zu stellen.* Fragen wie: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wer ist Jesus? Was ist seine Botschaft? Weshalb gibt es verschiedene Religionen? Was hat eine 2000 Jahre alte Geschichte mit der heutigen Zeit zu tun? Etc.

Denn wahres Leben in seiner Vielfalt lässt sich nicht einfach postfaktisch behandeln, will nicht mit Fake-News von sich ablenken. Die Wahrheit des Lebens – der gesamten Schöpfung – will gesucht und gefunden werden. Dafür braucht man Interesse und man muss bereit sein Fragen zu stellen und die Antworten zu hören.

Ich wünsche Ihnen den Geist der Wahrheit für die kommende Zeit.

 

*Die Frage, ob es Jesus denn gegeben hat kann mit historischen Quellen beantwortet werden. Und wenn diesen nicht geglaubt wird, so muss doch dem Faktum Rechnung getragen werden, dass aus einer kleinen Bewegung um diesen (oder einen) Jesus eine weltumspannende kulturübergreifende Gemeinschaft mit einem Bekenntnis zu einem uns liebenden Gott geworden ist.

Bildnachweis: Nikolai Nikolajewitsch Ge: Was ist Wahrheit (1890).